Reise mit zwei Unbekannten – Zoe Brisby

AutorZoe Brisby
Verlag Eichborn Verlag
Erscheinungsdatum 26. März 2021
FormatGebundene Ausgabe
Seiten416
SpracheDeutsch
ÜbersetzungMonika Buchgeister
ISBN-13978-3847900566

„Sie hinterließ ihm die Erinnerungen an diese zwei Tage. Das war nicht viel, aber er konnte sich ihrer bedienen, wie man sich eines Schmuckkästchens bedient.“ (Zitat Seite 360)

Inhalt

Alex ist fünfundzwanzig Jahre alt, unsicher, schüchtern und unglücklich verliebt. Er muss raus aus dem Alltag und beschließt, durch Frankreich nach Brüssel zu fahren. Aus finanziellen Gründen sucht er über eine Mitfahrzentrale eine weitere Person. Als er in seinem alten Renault Twingo Max „Hobbies: Technik, Whisky, Tour de France“ abholt, rechnet er mit einem jungen Mann. Doch es erwartet ihn Maxine, violette Haare, exzentrisch und über neunzig Jahre alt. Sie hat erste Anzeichen für Alzheimer an sich entdeckt und und will in Brüssel ihr Leben selbstbestimmt geordnet beenden. Doch zuvor will sie diese Reise richtig genießen, Spaß haben und plötzlich können beide wieder lachen.

Thema und Genre

Dieser Roman ist ein charmantes Roadmovie. Es geht um Verständnis zwischen den Generationen, Lebenserfahrung, Mut und vor allem um die Freude am Leben mit allen Höhen und Tiefen.

Charaktere

Das denkt Maxine über Alex: „Was diesem jungen Mann fehlte, war Vertrauen. Zunächst einmal Selbstvertrauen, aber darüber hinaus auch Vertrauen zu anderen, Vertrauen in das Leben, Vertrauen in die Zukunft.“ (Zitat Seite 38)

Das denkt Alex über Maxine: „Einerseits sah sie aus wie eine freundliche und harmlose alte Dame, andererseits bekam sie offenbar alles was sie wollte, und brachte ihr Gegenüber mühelos dazu, das Gegenteil von dem zu tun, was er eigentlich vorgehabt hätte.“ (Zitat Seite 39)

Handlung und Schreibstil

Die Handlung umfasst nur wenige Tage. Sie beginnt mit den beiden Einträgen in das Formular der Mitfahrzentrale und schildert chronologisch den Verlauf der Reise von Alex und Maxine. Details aus dem Leben der beiden erfahren wir durch die Episoden, die sie einander erzählen. In den einzelnen Kapiteln steht jeweils Alex oder Maxine im Mittelpunkt der personalen Erzählform, was Abwechslung und Vielfalt in den Text bringt. Es sind witzige und skurrile Situationen, die sie auf dieser Reise erleben, manche abenteuerlich und oft überraschend. Spannung erhält die Geschichte durch die Frage, ob und wie diese gemeinsame Reise die beiden Hauptfiguren verändern wird. Für mich wäre die Handlung damit perfekt gewesen, doch die Autorin bringt ein weiteres Detail als Spannungsmoment in die Handlung, die dadurch etwas ins Unglaubhafte, Konstruierte abgleitet.

Fazit

Liebenswerte Charaktere, Humor und Lebensfreude ergeben einen unterhaltsamen Roadmovie-Roman.

Klammerblues um zwölf – Carla Berling

AutorCarla Berling
Verlag Heyne Verlag
Erscheinungsdatum 13. Juli 2020
FormatTaschenbuch
Seiten272
SpracheDeutsch
ISBN-13978-3453424128

„Im ersten Moment wollte ich ihr einen Vogel zeigen. Im zweiten Moment wäre ich ihr am liebsten um den Hals gefallen. Im dritten Moment überlegte ich, ob sie verrückt geworden war.“ (Zitat Seite 88)

Inhalt

Als ihr Ehemann an Krebs stirbt, verkriecht sich Felicitas Branding, genannt Fee, siebenundfünfzig Jahre alt, essend auf dem Sofa. Fernsehserien in Endlosschleife lassen sie das reale Leben vergessen. Etwas ändern – da hat sie sofort ein „Ja, aber“ parat. Da platzt in der Silvesternacht Claudia in ihr Leben und lässt sich von den vielen „Ja, aber“ nicht beeindrucken. Was gut ist, denn durch sie und die lebensfrohe Mary bekommt Fee’s Leben eine neue Wendung und ohne diese Veränderungen wäre sie auch nicht dem Mops „Taxi“ und Winnetou begegnet.

Thema und Genre

In diesem Roman geht es um Lebenskrisen, das Älterwerden, den Mut zum Neubeginn, Veränderungen, vor allem aber um selbstbewusste Frauen, Freundschaft und die Liebe.

Charaktere

Fee lebt in Erinnerungen, die ihr Sicherheit geben, sie lässt sich gehen, weil sie keine Optionen sieht. Erst durch Claudine erkennt sie, dass die Vergangenheit auch Ballast sein kann. Der bedingungslose, ehrliche Rückhalt, den sie durch Claudine, Mary und alte Freunde erfährt, führt dazu, dass sich ihr Leben ändert. Unverändert, kreativ und zeitlos ist nur ihre Liebe zur Musik, für jede Situation und Stimmung findet sie sofort die passenden Songs.

Handlung und Schreibstil

Die Geschichte spielt in einem Zeitrahmen von einem Jahr, von Silvester bis zum nächsten Silvester. Fee ist die Ich-Erzählerin und schildert die Ereignisse weitere sechs Monate später. Ergänzt wird die Handlung durch Rückblicke, ihre Erinnerungen. Die Sprache erzählt flüssig, einfühlsam, klug und mit sehr viel Humor und Ideen über das tägliche Chaos, das sich Leben nennt.

Fazit

Ein unterhaltsamer Roman, der mit ernsten Themen zum Nachdenken anregt, aber mit seinen sympathischen, schrägen Figuren positiv stimmt und immer wieder für heiteres Lachen sorgt. Eine gelungene Mischung und die perfekte Sommerlektüre für entspannte Lesestunden.

City of Girls – Elizabeth Gilbert

AutorElizabeth Gilbert
Verlag S. FISCHER
Erscheinungsdatum 27. Mai 2020
FormatBroschiert
Seiten492
SpracheDeutsch
ISBN-13978-3100024763

„Denn zunächst möchte ich sagen, dass sich das Lily Playhouse von allen Welten, die ich bis dahin bewohnt hatte, ganz und gar unterschied. Es war die elektrisierende Verkörperung von Glamour, Wagemut, Chaos und Spaß – mit anderen Worten, eine Welt voller Erwachsener, die sich wie Kinder benahmen.“ (Zitat Pos. 659)

Inhalt

Vivian Louise Morris wächst behütet und gelangweilt in einer vermögenden Familie auf und sie will auf keinen Fall übergangslos in einer ebenso behüteten Ehe enden. Ratlos schicken ihre Eltern sie 1940 schließlich zu ihrer Tante Peg nach New York. Dieser gehört eine Theaterkompanie in New York City, das Lily Playhouse. Vivian ist neunzehn Jahre alt und im Gepäck hat sie ihre Nähmaschine. Ihre große Begabung und Leidenschaft für Mode machen sie rasch zur kreativen Kostümbildnerin in Pegs Theater. Vivian ist jung und sie will alles vom Leben. Erfahrungen sammelt sie in den wilden Nächten der Clubs und Bars der schillernden Großstadt New York, bis sie durch ihre Gedankenlosigkeit in einen Skandal verwickelt wird und zu ihren Eltern zurückkehren muss. Im Sommer 1942 holt Peg sie zurück nach New York, doch es dauert noch viele Jahre, bis Vivian ihren Weg findet.

Thema und Genre

Dieser Roman, in dessen Mittelpunkt Frauen stehen, ist kein typischer Frauenroman. Es geht um das glitzernde, turbulente Leben im New York der Vierzigerjahre, um die Welt der kleinen Theater, Musik, um Mode und Frauen, die ein unabhängiges, selbst gestaltetes Leben wollen. Auch  Männer, Familie, Freundschaft und die Liebe in allen Facetten sind ein Thema. 

Charaktere

Vivian hält ihre privilegierte, finanziell abgesicherte, Herkunft viele Jahre lang für selbstverständlich. Ihre naive, gedankenlose Ziellosigkeit macht sie als Figur nicht immer sympathisch, erst in den Jahren nach dem Krieg findet sie bewusst zu einem Leben, das sich für sie richtig anfühlt. Peg, Olive, Edna und Marjorie sind großartige Frauenfiguren, facettenreich und immer authentisch.

Handlung und Schreibstil

Es ist Vivian selbst, die 2010 rückblickend ihre Lebensgeschichte in einem Brief erzählt. Sie schreibt ihre Erinnerungen chronologisch nieder, ergänzt durch Details, die sie nicht wissen konnte, aber durch Gespräche mit Beteiligten erfahren hat. Die Handlung ist spannend und interessant. Das Leben im New York der Vierzigerjahre und später in der Nachkriegszeit ist sehr lebendig und wirklichkeitsnah geschildert, besonders auch die Situation der kleinen Theater. Die Seele der Geschichte jedoch sind die tiefen, ehrlichen Frauenfreundschaften und die Lebensfreude, die sich durch die gesamte Handlung zieht. Die Sprache ist humorvoll, beschwingt und angenehm zu lesen.

Fazit

Ein einfühlsam erzählter, charmanter Roman über Frauen, Männer, die Liebe und das Leben, in dem Dinge einfach so passieren, denn „Die Welt folgt keinem Plan“ (Zitat Pos. 6642).